Zum Inhalt springen

Wie geht es dem Luzerner Gewerbe? Substanziell stehen die Betriebe solide da, doch geopolitische Unsicherheiten drücken die Stimmung: 7 von 10 Punkten. KGL-Das erklärt KGL-Direktor Jérôme Martinu dem „Willisauer Boten“, der für seine grosse Wirtschaftsbeilage zum Thema „Gewerbevereine und ihr Wirken im Fokus“ nachgefragt hat. Im Interview geht’s auch um um die Themen Zölle, Fachkräftemangel, Bürokratie und die Rolle der Gewerbevereine in der heutigen Zeit.

Veröffentlicht am

Wie geht es dem Luzerner Gewerbe? Substanziell stehen die Betriebe solide da, doch geopolitische Unsicherheiten drücken die Stimmung: 7 von 10 Punkten. KGL-Das erklärt KGL-Direktor Jérôme Martinu dem „Willisauer Boten“, der für seine grosse Wirtschaftsbeilage zum Thema „Gewerbevereine und ihr Wirken im Fokus“ nachgefragt hat. Im Interview geht’s auch um um die Themen Zölle, Fachkräftemangel, Bürokratie und die Rolle der Gewerbevereine in der heutigen Zeit.

22. September 2025

Wie geht es dem Luzerner Gewerbe? Substanziell stehen die Betriebe solide da, doch geopolitische Unsicherheiten drücken die Stimmung: 7 von 10 Punkten. KGL-Das erklärt KGL-Direktor Jérôme Martinu dem „Willisauer Boten“, der für seine grosse Wirtschaftsbeilage zum Thema „Gewerbevereine und ihr Wirken im Fokus“ nachgefragt hat. Im Interview geht’s auch um um die Themen Zölle, Fachkräftemangel, Bürokratie und die Rolle der Gewerbevereine in der heutigen Zeit.

Schlagwörter

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie geht es dem Luzerner Gewerbe? Jérôme Martinu: Vor einem halben Jahr hätte ich ohne Zögern eine Acht oder gar Neun genannt. Substanziell geht es den Betrieben heute nicht schlechter. Doch die geopolitische Lage hat die Verunsicherung deutlich erhöht. Und Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft. Deshalb bewerte ich den aktuellen Zustand des Gewerbes heute mit einer Sieben.

Der KGL ist mit 13 600 Mitgliedern der stärkste Wirtschaftsverband im Kanton. Sie vertreten aber vor allem kleine und mittlere Betriebe. Sind diese überhaupt von den US-Zöllen betroffen? Es stimmt: Der Grossteil unserer Mitglieder ist in der Binnenwirtschaft tätig. Dennoch haben wir etliche Direktbetroffene sowie Zulieferer. Der Exportanteil in den US-Markt liegt im Kanton Luzern bei elf Prozent. Das ist etwas tiefer als der Schweizer Durchschnitt von 18 Prozent. Aber im ganzen Kanton, auch im Luzerner im Hinterland und Wiggertal, gibt es Unternehmen, die von den Zöllen substanziell betroffen sind – etwa die GIS AG in Schötz oder die Hunkeler AG in Wikon.

Was tut der KGL in dieser Situation für seine Mitglieder? Als Verband können wir keine Verhandlungen führen. Aber wir können die Stimme unserer Mitglieder hörbar machen und ihre Anliegen in die Politik und Öffentlichkeit tragen. Gefragt sind jetzt keine schnellen, unüberlegten Entscheide, sondern Besonnenheit. Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen. 99 Prozent der Luzerner Unternehmungen sind KMU mit maximal 250 und durchschnittlich sechs Mitarbeitenden. Diese Betriebe haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie mit Flexibilität, Innovationskraft und einer bemerkenswerten Resilienz auf Krisen reagieren können.

Sie stellen keine Forderungen an den Staat? Doch. Der Staat muss in dieser schwierigen Phase seinen Beitrag leisten. Insbesondere soll er die Wirtschaft nicht mit zusätzlichen Regulierungen belasten. Wir haben eine extrem hohe Gesetzes- und Regulierungsdichte. Die Bürokratie belastet gerade kleine Betriebe unverhältnismässig. Hier braucht es dringend Entlastung. Dafür machen wir uns stark.

Sie sprechen die vielen Regulierungen an. Welche anderen Themen brennen den Luzerner Gewerblerinnen und Gewerblern unter den Nägeln? Ganz klar die Fachkräftesicherung. Die Ausbildung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Wir müssen unseren Nachwuchs selbst fördern. Aber es geht auch um die Attraktivität als Arbeitgeber. Wer seine Mitarbeitenden ernst nimmt, eine echte Partnerschaft pflegt, sie auch mal zur Zufriedenheit befragt, hat bessere Chancen, Fachkräfte langfristig zu binden.

Was tut der KGL für mehr Berufsnachwuchs? Wir engagieren uns stark in der Berufsbildung. Eine Erfolgsgeschichte ist die Zentralschweizer Bildungsmesse Zebi mit jährlich 25 000 Besuchenden. Daneben gibt es weitere Initiativen: Wir haben eine Software erarbeitet, mit der lokale Gewerbevereine zusammen mit den Volksschulen einen Berufswahlparcours in der achten Klasse organisieren können. Zudem haben wir eine Lehrstellenbörse lanciert. Das ist eine Art Dating-Plattform, wo sich Jugendliche, die eher spät dran sind mit der Suche, und Lehrbetriebe online kennenlernen können. Und natürlich engagieren wir uns auch politisch für die bestmöglichen Rahmenbedingungen in der Berufsbildung.

Der Kanton Luzern prüft die Einführung eines Berufsbildungsfonds. Ist das der richtige Ansatz? Wir haben diese Idee angestossen, ja. Vergleichbare Modelle gibt es bereits in anderen Kantonen und Branchenverbänden.

Welchen Betrag darf eine Coiffeur-Meisterin für ihre Lehrtochter erwarten? Der Entwurf sieht eine Abgabe von 0,6 Promille der AHV-Lohnsumme vor. Je nach Anzahl Lernender zahlt ein Unternehmen ein oder erhält Mittel zurück.

Neben den Betrieben sind auch die lokalen Gewerbevereine gefordert. Könnten diese beim Thema Lehrstellen mehr tun? Man kann immer mehr tun. Doch die Gewerbevereine tun, was mit ihren Strukturen und mit viel Freiwilligenarbeit möglich ist.

Der KGL will für seine Mitglieder möglichst wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, und diese werden nun mal grossmehrheitlich in der Politik gesetzt. Wir wollen und müssen uns dort Gehör verschaffen und mithelfen, die Weichen richtig zu stellen. Das tun wir auch mit Unterstützung der 41 Kantonsrätinnen und Kantonsräte, die der KMU- und Gewerbegruppe angehören.

Manche dieser Gewerbevereine machen einen starken Eindruck. Andere sind nicht sehr aktiv. Braucht es die lokalen Gewerbevereine in Zukunft überhaupt noch? Unbedingt. Sie bündeln die Kräfte vor Ort. Gewerbevereine dürften sich sogar noch stärker als wirtschaftliche Kraft verstehen. Und auch die Vernetzung untereinander dürfte noch grösser sein. Gerade in Zeiten der Verunsicherung ist es wichtig, zusammenzuarbeiten oder gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Ein Beispiel ist die Gewerbeausstellung GAZ in Hüswil vom 19. bis 21. September. Was dort mit viel Herzblut vorbereitet wurde, beeindruckt mich.

Sind Gewerbeausstellungen in Zeiten von digitaler Werbung und Social Media noch zeitgemäss? Schauen Sie doch, wie viele Menschen diese Ausstellungen besuchen! Eine Gewerbeausstellung ist ein Event, ein Volksfest. Da geht es nicht nur darum, Produkte zu verkaufen. Menschen kommen zusammen, tauschen sich aus, entwickeln neue Ideen. Das kann keine digitale Plattform ersetzen. Gerade deshalb sind solche Anlässe ein wertvoller Kontrapunkt in unserer digitalisierten Welt.

Werden wir Sie in Hüswil an der GAZ antreffen? Natürlich. Ich freue mich auf die Eröffnung am Freitagabend. Und ich bin neugierig darauf, wie sich die Ausstellung präsentiert, die vom Gewerbe Hinterland seit vielen Monaten mit grossen Worten angekündigt wird.

Seit August 2024 sind Sie neuer KGL-Direktor. Inwiefern prägt Ihre journalistische Vergangenheit die Art, den Verband zu führen? Als Journalist muss man neugierig sein, zuhören können und Menschen mögen. Diese Eigenschaften helfen mir sehr in meiner neuen Rolle.

Wie schwierig war der Rollenwechsel vom kritischen Journalisten zum Cheflobbyisten für KMU? Es war ein klarer Rollenwechsel, vom Beobachter zum Akteur. Doch er fiel mir leichter als gedacht. Viele Themen sind mir sehr vertraut, mein Netzwerk kommt mir zugute. In beiden Rollen geht es darum, eine grosse Breite an Themen zu bearbeiten und sie verständlich zu vermitteln.

Welche Visionen haben Sie als Präsident für den KMU- und Gewerbeverband des Kantons Luzern? Der ehemalige deutsche Bundeskanzl er Helmut Schmidt sagte mal: «Wer Visionen hat, soll zum Arzt.» Auch ich verstehe mich als Pragmatiker. Unsere KGL-Plakate mit dem Leitsatz «Taten statt Worte» beschreiben das passend. Verbandsarbeit ist oft strategisch und findet hinter den Kulissen statt. Doch mir ist es wichtig, stets einen spürbaren Nutzen für die Unternehmen zu schaffen und damit für uns alle, die wir Teil dieser Wirtschaft sind.