DIE SCHULE SOLL DURCHLÄSSIGER WERDEN FÜR DIE BERUFSBILDUNG
Der immer grösser gewordene Erziehungsauftrag der Volksschule, die Motivationsschwierigkeiten im 9. Schuljahr und die Notengebung: Um diese Themen dreht sich das Gespräch mit Martina Krieg, der Dienststellenleiterin Volksschulbildung im Kanton Luzern. Sie sagt, wie das System Schule fitter werden muss, um den Ansprüchen von Eltern, Gesellschaft und Wirtschaft Rechnung tragen zu können.
Veröffentlicht am
18. August 2025
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Was muss die Volksschule heute leisten können? Lesen, Schreiben, Rechnen und Kompetenzen, die der Lehrplan 21 vorgibt. Dazu kommen noch überfachliche Kompetenzen.
Früher lag der Erziehungsauftrag klar bei den Eltern. In der Schule zeigt sich, dass sie sich nicht eingliedern können. Sie kennen keine Regeln und schlagen ihren Kopf auf den Tisch, wenn sie nicht gleich bekommen, wonach sie verlangten.
Der Erziehungsmuskel ist etwas erschlafft. Man will den Kindern alles recht machen. So glauben diese Eltern, sie hätten im Umgang mit ihnen am wenigsten Probleme. Aber auch der grosse Medienkonsum von Eltern kann dazu führen.
Korrekt, ja.
Wir müssen die Kinder aufnehmen und wir wollen sie auch so nehmen, wie sie sind. Die Schule muss sich darauf einstellen, dass der Erziehungsauftrag neu viel grösser ist als der Bildungsauftrag.
Schweizer Schüler schneiden in internationalen Studien schlechter ab, besonders im Lesen und Schreiben. Ist das schlimm? Müssen wir Rechtschreibung noch so stark gewichten, wenn es KI-Tools gibt? Sollten wir nicht lieber das Schreiben an sich fördern, da KI das nicht kann? Früher gab es Taschenrechner; heute kennen wir die Rechenwege, aber die Maschine liefert das Ergebnis. Digitale Kompetenzen verändern sich.
Jede Lehrperson müsste ein Wirtschaftspraktikum machen.
Martina Krieg, Dienststellenleiterin Volksschulbildung
Mit Lohnerhöhungen begegnet der Kanton Luzern der Schwierigkeit, genügend Lehrpersonen zu finden. Ist die Volksschule leistungsfähig genug, um ihre Kernaufgaben zu erfüllen?
Die Dienststelle Volksschule Luzern will die 9. Klasse durchlässiger in Richtung Berufsbildung und praxisnaher machen. Warum? Wir möchten, dass die Schülerinnen und Schüler im letzten Jahr personalisierter lernen und anschlussfähiger sind an die berufliche Wunschlösung, die sie gewählt haben.
Konkret heisst das? Das Erfassen von Form und Raum sind wichtig, Messen, Geometrie und der Umgang mit Zahlen. In diesen Bereichen muss ein Lernender richtig gut sein. Hingegen erlangt Französisch nicht die gleiche Bedeutung.
Lehrbetriebe bemängeln, dass Schüler zu wenig wissen, worauf sie sich einlassen müssen. Wir haben vom Gewerbe oft gehört, dass sie praktisch nur noch auf die überfachlichen Kompetenzen schauen. Die Lehrbetriebe stellen sich auf den Standpunkt, dass sie die Fachkompetenzen beibringen können. Wenn sie besser sähen, was der junge Mensch kann und was nicht, könnten sie auch besser helfen.
Wie kann man die Motivation steigern? Wir haben uns überlegt: Motivation entsteht, wenn man mitreden und mitgestalten kann, was man lernen will. Wir bieten mehr Wahlmöglichkeiten, Module genannt, wie ein Kurssystem. Zum Beispiel Mathematik/technische Berufe. Diese Module sind näher an der Berufswelt als Wahlfächer. Für Verkaufspersonal gibt es das Modul Auftrittskompetenz.
Aus Sicht der Wirtschaft tönt das fantastisch, wenn es funktioniert. Was heisst das für die Kompetenzen der Lehrpersonen und die Ressourcen? Das tönt nach einem doppelt so aufwändigen Modell wie bisher.
Eine Lehrperson kann eine Lektion vorbereiten und hat spezifische Interessen.
Martina Krieg erklärt das neue Modell der Durchlässigkeit in der 9. Klasse.
Zur Person
Martina Krieg (Jg.1968) leitet seit 2022 die Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern. Die ausgebildete Primarlehrerin hat viele Jahre unterrichtet. Mit einem Studium in Bildungswissenschaft und Schulentwicklung bildete sie sich weiter, jahrelang arbeitete sie in der Elternberatung und Lehrpersonenbildung sowie als Coach für Schulleitungen. Krieg stammt ursprünglich aus einer Handwerksfamilie im Kanton Schwyz.
Die Akademisierung der Lehrerausbildung führt zu weniger Kontakt mit der Wirtschaft. Das mindert die Chancen für die Berufsbildung. Jede Lehrperson sollte ein Wirtschaftspraktikum machen.
Das Tolle ist, dass die Vorstellung des neuen Modells überall gut angekommen ist. Weil man versteht, dass es Sinn macht, nochmals mit einem verbindlichen Ziel zu arbeiten, das die Motivation der Schülerinnen und Schüler hochhält.
Kritiker könnten argumentieren, dass die Volksschule keine Mini-Berufsschule sein sollte. Wir sehen uns nicht als solche, sondern als Schule, die Kompetenzen vermittelt und Schüler vor Überforderung bewahrt.
Viele Ausbildende sagen, dass sie den Zeugnissen nicht mehr trauen können, weil diese zu wenig aussagekräftig sind. Vertrauensverlust ist etwas Schwerwiegendes. Ich würde mal behaupten, dass die Zeugnisse noch nie besser waren als heute.
Ein guter Grund, weshalb die Wirtschaft Stellwerktests verlangt.
Genau. Aber es gibt den Haken, dass das Stellwerk eben auch nicht alle Kompetenzen misst, weil der Test nicht total verlässlich ist. Es kann sein, dass ein Jugendlicher morgen den gleichen Test nochmals macht und das Ergebnis anders ausfällt. Die Tagesverfassung gibt den Ausschlag. Schade dabei ist, dass die Tagesverfassung höher gewichtet wird als das Urteil einer Lehrperson. Darum haben wir die Idee, dass wir die Anforderungsprofilen der Berufe nutzen und die Leistung eines Jugendlichen darüber legen. So sähe eine Ausbildungsperson viel besser, was der Jugendliche fachspezifisch mitbringt. Bei einer solchen Beurteilung braucht es nicht mal mehr Noten im Zeugnis, weil man die Antworten, die man will, vorliegen hat.
Seit Jahrzehnten wird mit der Skala 1 bis 6 benotet, darunter können sich alle etwas vorstellen. Was ist der Nachteil von Noten? Es gibt keine Vergleichbarkeit.
Ob mit Ziffern oder Worten: Man kriegt gar kein Notensystem hin mit objektivierter, gleichförmiger Aussagekraft. Es war schon immer so, dass eine Lehrperson selber entschieden hat, was sie für eine Prüfung macht.
Wie kann man das Leistungsvermögen eines Jugendlichen einschätzen? Man kann sagen, jemand sei ungenügend – also Note 3. Oder genügend – also Note 4. Und so weiter. Dieses System würde Stand halten, weil das jede Lehrperson so genau beurteilen könnte.
Schulnoten der Zukunft: Das wünschen sich KMU
Das Thema Schulnoten ist hochemotional. In Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gehen die Meinungen weit auseinander, das heutige System wird vor allem kritisiert.
Zu diesem Zweck haben Bildungsdirektor Armin Hartmann und Martina Krieg, Dienststellenleiterin der Volksschulbildung, auch Rückmeldungen von KMU-Verantwortlichen abgeholt.
Alan Ferreira de Almeida, von der Galliker Transport AG: «Ja, wir halten dies weiterhin für sinnvoll. Die Schulzeugnisse spielen bei unserem Rekrutierungsprozess eine wichtige Rolle.»
Regierungsrat Hartmann sagte, dass es für ihn keine Überraschung sei, dass ein erheblicher Teil der Wirtschaft an den Schulnoten festhalten wolle.
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